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An der Grenze zwischen Gestern und Morgen
Ausschnitt: Beginn des 2.
Kapitels
Es war das hässlichste
Standesamt, das Almut je gesehen hatte. Genau genommen war es aber auch
das schönste, denn es war das einzige, das sie je zu Gesicht bekommen
hatte. Und die erste Hochzeit, die sie miterlebte. Auch für Lukas, hatte
Gundula ihr erzählt, aber der machte mal wieder den Eindruck, als ginge
ihn das alles nichts an – und als schlafe er bald ein. Wer weiß, wann er
gestern von seinem Konzert nach Hause gekommen war!
Heute früh hatte Gundula sie und Lukas schon um Acht aus dem Bett
gescheucht – und das in den Ferien! Lukas hatte ausgesehen wie erschlagen,
die Haare noch wirrer als sonst, Augenringe und ein blasses Gesicht. Dann
war er im Bad verschwunden und eine Stunde später mit einigermaßen glatt
gekämmten Haaren, einer gebügelten, sauberen Hose mit Gürtel, einem
dunkelblauen Hemd und schlechter Laune wieder zum Vorschein gekommen. Es
war Samstag, der erste August und jetzt, am Vormittag wollten Gundula und
Gert im kleinen Kreis heiraten. „Im kleinen Kreis“ bedeutete soviel wie
sie beide, Almut und Lukas, zwei Trauzeugen und ein Standesbeamter.
Das Standesamt war wirklich hässlich. Von außen sah es ganz normal aus,
unbedeutend und innen war es durch und durch ... langweilig. Die Wände
waren weiß und ungeschmückt. Über dem Schreibtisch des Beamten an der Wand
hing der Bundesadler – oder wie auch immer das Vögelchen hieß – und sonst
nichts. Bis auf den einsamen Kaktus auf dem Fensterstock. Vielleicht war
es neu und sollte noch schöner werden.
Gundula hatte ihre Mutter als Trauzeugin mitgebracht. Opa lebte schon
lange nicht mehr, sonst hätte sie ihn auch eingeladen. Oma hatte sich fein
angezogen, mit Rock und Bluse und saß lächelnd auf ihrem Stuhl.
Gert hatte einen Kumpel dabei, der den Job übernahm. Der trug ein
knallrotes Hemd und eine Lederweste darüber, schwarze Lederhosen und hatte
die langen Locken zu einem Zopf gebunden. Aber er benahm sich recht
ordentlich, wie Almut einschätzte.
Der Standesbeamte hatte eine Menge Papierkram auf seinem Schreibtisch
liegen, in dem er dann ab und zu blätterte, bevor er endlich mit dem
üblichen Spruch loslegte:
„Möchten Sie diese hier anwesende ...“
Ring, Kuss, Unterschrift.
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