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"WEIHNACHTSWIRTSCHAFT" (2001) - Marlene Hofmann

Die Liste ist lang, aber geordnet und absolut vollständig. Die Festplatte speichert alles und nichts kann verloren gehen. Die Wünsche sind zusammen mit Name und Adresse, sowie persönlichen Daten des Auftraggebers, d.h. der Person die sich etwas wünscht, aufgelistet und werden nun der Reihenfolge nach realisiert. Da es sich hier größtenteils um materielle Dinge handelt, hat meine Weihnachtswunscherfüllungsfirma außer Zeitnot keine Probleme. Doch warum müssen sich die Menschen ihre Weihnachtswünsche immer erst Anfang Dezember überlegen?

In meinem Unternehmen sind an die zwei Millionen Engel beschäftigt und mindestens noch einmal so viele Aushilfskräfte. Alles läuft gut, ich habe genügend Kundschaft und kann nicht klagen. Nichts gibt es
umsonst – in meinem Kaufhaus kann sich jeder die Geschenke abholen. Die Lieferung nach Hause kostet natürlich extra und wenn ich noch in diesem alten roten Mantel und dem weißen Bart - der längst nur noch Attrappe ist, weil die Mode sich geändert hat - erscheinen soll, dann wird es noch einmal teurer. Aber gegen die hohen Preise kann ich nichts tun, jeder muss heutzutage schließlich irgendwie auf seine Kosten kommen und vor allem jemand, der so weit reisen muss wie ich.

Ich bin Weihnachtsmann in der 79. Generation und muss sagen, dass das Geschäft floriert wie nie. Wenn ich daran denke, dass meine Ahnen früher ihren Dienst ehrenamtlich ausübten, so bin ich froh, dass ich heute lebe und für meine Arbeit auch wenigstens ordentlich bezahlt werde. Jeder muss schließlich sehen, wo er bleib - auch wenn er Weihnachtsmann heißt!

Was ist das? Lisabeth Extra- Fleischer, 38 Jahre, verheiratet wünscht sich ein Kind, da sie selbst keines bekommen kann. Können die Leute sich nicht einfachere Sachen wünschen? Das kostet extra! Einen
Moment bitte, ich muss kurz im Gen-Labor anrufen, die erledigen das.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ein besonderer Absatzmarkt ist in der letzten Jahren die Süßwaren-
und Weihnachtssnackindustrie geworden, denn eine neue Vermarktungsstrategie hat den Markt erobert: Wir beginnen einfach schon im Herbst, sprich also Oktober, spätestens November, mit dem Verkauf kleiner Weihnachtsmänner und bunter Konfitürekugeln – oder mit was weiß ich allem. Die Herstellungskosten sind durch neue chemische Techniken auch extrem zurückgegangen. Wir brauchen weniger natürliche Rohstoffe, da diese künstlich erzeugt werden können, der Konsument den Unterschied jedoch weder sieht und
schmeckt noch weiß.

Seit zwei Jahren hab ich meinen Betrieb auch auf den Verkauf selbstgezüchteter Nadelbäume und den dazugehörigen Weihnachtsschmuck erweitert. Wir haben Internet und sind an die Börse gegangen, wo
unsere Aktie mit der von Playboy um die Spitze konkurriert.

Der Weg zum Erfolg ist die Werbung. Wer für die in der Produktion am billigsten Weihnachtsprodukte und
den schönsten und neusten Baumschmuck wirbt, kommt leicht zum Ziel bzw. zu enormen Verkaufszahlen. Nicht nur Werbespots im Fernsehen, sondern auch an Autobahnen, in Großstädten, vor Ampeln, im Kino, in der Zeitung – einfach überall sind wir präsent, was sich natürlich auch im Gewinn niederschlägt.

Für die Zukunft habe ich die Ausdehnung des Geschäfts auf die mit Weihnachten verbundene Ferienindustrie vorgesehen. Wer will Weihnachten nicht gern kostengünstig mit dem passenden Service in einer gemütlichen Ferienhütte bzw. einem riesigen Luxushotel im Schnee verbringen, in einer Rentierkutsche spazieren
gefahren werden und das Fest der Liebe genießen? Ich werde daran arbeiten.

 


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