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"VOM EWIGEN SINN" (2005) - Marlene Hofmann

Das Bushäuschen ist leer bis auf einen. Mehrere Leute stehen draußen davor, laufen auf und ab und warten auf Linie 24, die in zehn Minuten kommen und sie Richtung Lextorp fahren soll. Ich bin weit gelaufen und mir ist warm. Im Bushäuschen setze ich mich auf die freie Bank. Die Leute draußen beobachten mich aus dem Augenwinkel.

Mir gegenüber sitzt ein kleiner, dicker Mann mit grauem Haar, grauer Jacke, rotbrauner Nase. Er hat kein Taschentuch, ab und an ist ein Schniefen zu hören. Mit weinerlicher Stimme brummt er immer wieder den gleichen Satz vor sich her. Er klingt sehr traurig, aber ich kann seine Worte nicht verstehen. Immer, immer wieder fängt er von vorn an mit halblauter, dunkler Stimme. Ich starre auf den Boden, die Leute draußen schauen herein. Ein junger Mann läuft vor der Bushaltestelle auf und ab. Einmal blickt er auf und wirft mir
einen neugierigen Blick zu.

Der alte Mann mir gegenüber verstummt kurz und beobachtet seine Füße, die er hin und her dreht, mal hebt
er beide Beine, mal nur einen Fuß, die schwarzen Schuhe drehen sich. Er betrachtet sie, als sieht er sie genau in diesem Augenblick zum ersten Mal.

Dann beginnt er wieder leise zu jammern. Nach einiger Zeit wird seine Stimme lauter. Ich glaube Wortfetzen zu verstehen – auf Deutsch, auf Englisch, auf Schwedisch… Je länger ich seinen Satz höre, desto mehr glaube ich „dem ewigen Sinn, dem ewigen Sinn“ zu verstehen.

Ich sitze in der Bushaltestelle und schaue durch die zerkratzten Plastikscheiben hinaus auf den Markt. Der Zeiger der Uhr an der Hochschule rückt in Richtung halb Sechs, in einigen Minuten soll der Bus kommen. Ich sitze da und grüble über den ewigen Sinn.

Dann schlägt eine Glocke zweimal und der Mann verstummt.

Immer mehr Menschen sammeln sich vor dem Halteplatz. Der Mann von gegenüber erhebt sich und stolpert zwei Schritte in meine Richtung. Mit starren Augen murmelt er die Worte vom ewigen Sinn. Er zieht die Nase hoch und schweigt.

Ich fühle mich unwohl in seiner Gegenwart, will aber nicht auch aufstehen und gehen wie die anderen. Umständlich sucht der Mann in seiner Jackentasche nach dem Fahrschein für den Bus. Mit schweren Schritten tappt er auf den Ausgang zu. Meine Augen fixieren starr die Plastikscheibe des Häuschens. In ihr Spiegelt sich der Bus, bevor er draußen zum stehen kommt. „Der ewige Sinn“, murmelt der Mann und steigt als erster ein.

 


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