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"STARRE" (2003) - Marlene Hofmann

Stundenlang hatte sie im gestanden und gezittert. Die Flocken waren unaufhörlich von oben auf sie niedergefallen, hatten sich in ihr Haar gesetzt, waren auf ihrer Nasenspitze getaut. Sie schniefte und zog die Nase hoch. Ihr letztes Taschentuch lag neben ihr im Dreck. Vor einiger Zeit waren die Straßenlampen angegangen, eine ging ständig an und aus – Wackelkontakt. Menschen eilten vorüber, die Mantelkragen hochgeklappt mit angezogenen Schultern, um sich gegen die niedrigen Temperaturen zu schützen.

Sie starrte auf das kleine, hässliche Namensschild an der Tür vor ihr, sie wusste nicht, zum wievielten Male. Noch einmal zu klingeln hatte sie nicht gewagt. Ihr war bitterkalt, innen wie außen. Ich werde nach Hause gehen, dachte sie und ihre Beine rührten sich wieder nicht. Eiszapfen hingen an der Dachrinne über ihr, aber sie konnte sie nicht sehen, denn sie hatte seit Minuten nicht den Kopf bewegt.

Schnee. Immer wieder Schnee, immer mehr Schnee fiel auf sie herab. Sie würde darin ersticken müssen, würde davon verschüttet werden, konnte nie mehr entkommen.

Wieder musterte sie das Namenschild, die Schrift war durch die Feuchtigkeit verschwommen. Klingel wenigstens noch einmal!, befahl der letzte Funken Vernunft in ihrem Gehirn, aber die Gliedmaßen
verweigerten ihr den Dienst.

Ein Schlüssel drehte sich in seinem Loch, ihr stockte der Atem, das Herz hämmerte unerträglich hart gegen ihre Rippen. Es schlug so laut, dass ein aufgeplusterter Sperling von seinem Platz auf dem Fensterstock aufgeschreckt davonflog.

Langsam wurde die Klinke nach unten gedrückt.

Schnell weg, schoss es ihr durch den Kopf, Er sollte dich nicht sehen!

Aber ihre Beine waren zu schwer, der Schnee zu hoch, die Luft zu kalt um zu entkommen.

Die Tür ging mit einem leisen Schaben auf und er stand vor ihr, die Augen weit aufgerissen. Warme Luft strömte ihr entgegen. Sie wagte nicht, ihn anzusehen, sah zu Boden, rührte sich nicht, sondern zitterte heftig am ganzen Körper.

„Was willst du noch hier?“

Seine Stimme durchschnitt hart das Schweigen, ihr Herz setzte einen Schlag aus, rutschte einen Zentimeter tiefer. Seltsam, denn sie hatte geglaubt, es sei gefroren. Sie sagte nichts, konnte nichts sagen.

Dann hob sie ganz langsam den Kopf und wunderte sich selbst, dass sie es konnte. Sie sah kalte Blicke,
die an ihr hafteten und der Schnee um sie herum kam ihr mit einem mal angenehm warm vor. Tränen traten in ihre Augen. Er öffnete den Mund, hob zum Sprechen an und eine graue, warme Dampfwolke drängte sich zwischen ihre Gesichter. Als habe diese plötzliche Wärme sie endgültig aufgetaut, drehte sie sich um und rannte davon.

 


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