Veröffentlichtes / Gedichte / Geschichten / Erzählungen / Malerei & Multimedia / Grußkarten
Linx / Gästebuch / Impressum & Kontakt ----- STARTSEITE ----- [ / / ]

 


"SO VIELE LEUTE" (2001) - Marlene Hofmann

„Mensch, nun mach doch das Licht wieder an, Paul!“, brummte Jürgen genervt.

Es dauerte eine Weile, aber Paul fand den Lichtschalter dann doch und ich konnte sie alle wieder sehen.
Paul, der genau neben der Stehlampe hockte, die nur einen trüben Schein im Wohnzimmer der Lebermanns verbreitete und auch die Hanne ganz links auf dem Sofa. Dort saßen noch der dicke Edgar mit seiner kleinen Schwester, die mit ihren 13 Jahren mit Abstand die Jüngste hier war. Außerdem besaß sie nicht annähernd die Fülle Edgars. Susi war diejenige, die keinen festen Platz im Zimmer hatte. Mal lief sie auf und ab wie ein gereizter Tiger, mal stand sie ungeduldig am Fenster und blickte an der zurückgeschobenen Gardine vorbei hinunter auf die Straße – und das seit einer Stunde. Sie war diejenige, die in diesem Haus wohnte. Susi Lebermann, 17 Jahre, groß, schlank, eine etwas zu lange und kantige Nase - die Gastgeberin, die diese Feier hier veranstaltete. Herr und Frau Lebermann befanden sich seit heute Morgen irgendwo in Nizza, auf Mallorca oder in der Türkei, ich weiß es nicht mehr so genau. Die Susi war zum ersten Mal nicht mitgefahren und wartete nun voller Nervosität auf die vielen Leute, die sie uns versprochen hatte. Ansonsten war mir Susi nur zweimal vorher begegnet. Ich selber saß auf dem Fensterstock des zweiten Fensters und hatte den besten Überblick über den Raum und die Straße, ab und zu kam Susi auch zu meinem Fenster und ich konnte sie mir ein wenig genauer anschauen. Mein Kumpel Jürgen hielt sich entweder in der Küche oder im Bad auf. In der Küche saß er auf dem Tisch neben dem Bierkasten und trank, ab und zu ging er aufs Klo, um das Getrunkene wieder loszuwerden. Er feierte eben auf seine Art.

„Susi, kommt denn noch jemand?“, gähnte Paul gelangweilt.

„Natürlich! Ihr glaubt nicht, wie viele Leute ich noch eingeladen habe!“

Diesen Satz hatte sie in der letzten Stunde schon mehrmals gesagt. Wieder ging sie zum Fenster - zu meinem Fenster- und schaute an mir vorbei hinunter auf die dunkle Straße. Ihre Augen folgten jedem Passanten und schienen enttäuscht, wenn dieser wieder an der Haustür vorbeiging.

Dann flog die Tür auf. Ein großer, langhaariger Typ mit Lederjacke und Zigarette in der Hand kam herein und wenn er beim Gehen abwechselnd die linke und die rechte Schulter hochzog, wirkte er so cool und lässig, dass mir schlecht wurde. Der Langhaarige umarmte Susi und sie strahlte vor Freude und Stolz. Er legte dabei beide Hände um ihre Schultern, sodass ich schon befürchtete, er würde mit seiner Zigarette Susis langen Haare anzünden.

„Hab gehört, hier soll `ne Fete steigen“, brüllte er und schaute sich um, „Im Moment sieht’s aber noch gar nicht danach aus...“

„Es ist ja auch noch gar nicht richtig losgegangen“, verteidigte sich Susi.

„Na Scheiße, wir sind auch noch zu früh...“ Der Riese schien resigniert.

Mit der Entschuldigung, er wolle mal kurz nach „den anderen“ schauen, die auch alle mitgekommen waren, ging er wieder hinaus.

„Das war übrigens der Heiner“, erklärte Susi nervös lächelnd.

Dieser eben genannte Heiner wäre wahrscheinlich nie wieder zurück zu unserem lahmen Haufen gekommen, hätte ihn auf der Treppe nicht eine Meute partybesessener Teenager fast umgerannt, wie er später im Suff erzählte. Später, das war, als sie Wohnung beinahe überquoll vor Menschen. Ich kannte fast niemanden und bezweifelte, das Susi das tat. Susi ihrerseits saß auf Heiners Schoß und ich beobachtete wie seine Hände scheinbar unauffällig an ihrem Körper immer höher wanderten. Sie hatten beide schon einiges getrunken und die anderen um sie herum auch. Der Gestank von Zigarettenqualm musste drinnen fast unerträglich sein, aber bei mir am Fenster hielt sich das noch in Grenzen.

Ich war der Beobachter. Ich sah, wie sich die Leute immer schlimmer benahmen, je öfter sie die Gläser
leerten und je öfter sie das Klo besuchten. Ich hab Edgar und seine kleine Schwester verabschiedet, als sie gegangen sind. Das war um Eins, vor etwa einer Stunde. Wie Jürgen dann neben dem Bierkasten eingeschlafen ist, mit offenen Mund, hab ich auch gesehen. Heiner stand auf und ging mit Susi Hand in Hand in Richtung Bad, dann verlor ich sie aus den Augen.

Paul machte das Licht aus und alle kreischten durcheinander. Jemand stieß mich am Bein, aber ich konnte nicht sehen, wer, denn meine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt. Die Musik dröhnte noch lauter, ich hörte viele Stimmen auf einmal.

„Hey, sitz doch nicht immer nur so rum!“, brüllte jemand zu mir hoch.

„Mir gefällt es aber so“, brüllte ich zurück.

„Ich wüsste was, das dir vielleicht noch besser gefallen könnte...“, drangen die Worte leise zu mir herauf.

„Nee, lass mal“, gab ich zurück und noch ehe Paul das Licht wieder angeknipst hatte, befand ich wieder allein am Fenster. Von Susi war nichts zu sehen und ich begann mir langsam Sorgen zu machen. Als ich sie das nächste Mal zu Gesicht bekam, war es schon fast wieder eine Stunde später. Heiner konnte ich nicht sehen, aber die Reihen der Partygäste lichteten sich allmählich. Susi blickte kurz zu meinem Fenster hin, aber ihr Blick schien an mir vorbei, hinaus in die Dunkelheit zu gehen. Sie hielt ein bis zur Hälfte gefülltes Glas in der Hand, den Inhalt konnte ich nicht genau bestimmen. Vielleicht war es Whisky. Hanne ging nach Hause, sie winkte mir kurz zu, als sich unsere Blicke begegneten. Paul folgte ihr, wahrscheinlich ging er auch. Ich warf einen Blick auf den schlafenden Jürgen und überlegte kurz, wie ich ihn jemals zurück bringen sollte und beschloss dann, noch eine Weile damit zu warten.

Die Weile hatte sich lange hingezogen. Draußen wurde es langsam heller. Die Farbe des Himmels änderte sich vom schwarz ins dunkelblau, mehr nicht. Ich gähnte. Vielleicht hatte ich schon mal einige Minuten geschlafen auf meinem Fensterstock, auf jeden Fall aber war ich nicht runtergefallen. Im Zimmer lagen lauter leere Flaschen, manche bewegten sich manchmal im Schlaf. Susi brachte die letzten beiden Gäste, die noch laufen und die Augen offen halten konnten, gerade zur Tür. Die Musik hatte jemand abgeschaltet und im ganzen Haus war es nun beinahe unnatürlich still. Meine Ohren summten noch vom Krach der Nacht. Ich wollte gerade vom Fensterstock klettern, als Susi wieder hereinkam. Sie blickte mich aus unendlich müden Augen an, ihre langen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht, das T-Shirt war etwas verrutscht. Als sie langsam
auf mich zukam, sprang ich nun doch vom Fensterstock. Ich wischte ihr die Tränen von der Wange und wir standen noch lange Arm in Arm am Fenster bis die ersten Schlafenden erwachten.

 


Tadracomix weiterempfehlen! - Besucher: - Stand: 25. September 2009 - www.tadracomix.de - Seit 2002 - Bookmark and Share