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"ROTDORN IM APRIL" (2003) - Marlene Hofmann

Eine Geschichte frei basierend auf der Grundlage der Erinnerungen meines Großvaters
Nöbdenitz, 13. April 1945

Der Handwagen schwankte bedrohlich hin und her, als ich ihn über die Bahngleisen zog. Mein Freund Alfred schrie auf, als die ganz oben liegenden, kaputten Körbe ins Rutschen gerieten und versuchte, sie mit beiden Händen abzufangen. Ich blieb stehen, der Bahnhof lag so ruhig da als stehe er leer. Alles war ruhig, weit und breit waren keine Stimmen, kein Motorenlärm zu hören.

Alfred hatte die Körbe wieder aufgesammelt, sie unter den dünnen Strick, der die alten löchrigen Körbe zusammenhielt, geklemmt.

„Wenn wir oben auf der Höhe sind, bist du dran mit ziehen“, sagte ich und ging weiter. Alfreds Schweigen deutete ich als Ja. Ebenfalls schweigend zog ich den Handwagen am alten Ortsschild vorbei, die Buchstaben waren grau vom Straßenstaub. Ein Schwarm Spatzen flog schilpend aus den Hagebuttensträuchern und wechselte auf die andere Straßenseite. Sonst war alles still.

Obwohl es erst April war, schien die Sonne so warm, dass Alfred und ich barfuss liefen. Mutter hatte mich gedrängt, die kurzen Wollhosen zu tragen, die bei jedem Schritt fürchterlich kratzten. Sie hatte uns nach Löbichau zum Korbmacher geschickt, der die kaputten Körbe reparieren sollte. Der Rotdorn blühte schon – es war als hatte der Sommer den Frühling einfach überspringen wollen.

Das Rattern der kleinen Wagenräder auf der mit Schlaglöchern übersäten Teerstraße wurde begleitet vom Klang unserer Schritte und dem Endlos-Gesang einer Lerche. Auf dem Feld sprossen die ersten Triebe, durch die warme Sonne an diesem 13. April hervorgelockt. Über das Feld hinweg konnte man bis Tannenfeld, Posterstein, bis Ronneburg sehen.

Als wir den höchsten Punkt des Hügels erreicht hatten, ließ ich die Deichsel zu Boden fallen, ein Klappern
war zu hören, als sie mehrmals auf dem Asphalt auf und ab sprang.

„Komm schon, du kannst den Handwagen ruhig noch weiterziehen“, rief Alfred und hob einen Stein auf, um
ihn in meine Richtung zu werfen. Ich trat einen Schritt beiseite und wir sahen zu, wie das Steinchen über den Teer in den Straßengraben rollte.

Als ich Alfred anschaute, bemerkte ich, dass seine grauen Augen einen Punkt in der Ferne fixierten. Automatisch folgte ich seinem Blick, suchte die Landschaft ab. Kleine dunkle Flecke krochen die Landstraße entlang, die von Ronneburg, von der Autobahn kam. Das kleine Wäldchen um Tannenfeld herum spuckte
einen nach dem anderen aus, wie kleine Ameisen rückten sie emsig näher. Räder rollten, eiserne Körper federten über den Teer.

„Die Amerikaner“, sagte Alfred mit heißerer Stimme. Mit Jeeps und Panzerspähwagen kamen sie langsam näher. Klein wie Insekten erschienen die Soldaten, die in ihrer Tarnkleidung auf der Ladefläche des Jeeps saßen.

Eine unendlich lange Minute verstrich, während wir unseren Blick nicht von ihnen wenden konnten.

„Lass uns verschwinden!“

Alfred hatte offenbar die Sprache wiedergefunden, Über meine Lippen jedoch kam kein Wort. Hastig machte ich ein paar Schritte rückwärts, Alfred eilte schon den Berg wieder hinab.

„Halt! Die Körbe!“

Ich lief zurück, zerrte den knarrenden Handwagen hinter mir her. Wir konnten sie doch nicht einfach stehen lassen, Mutter wäre sicher zornig und es käme dem Verlust eines kleinen Vermögens gleich! Wir hasteten den die Straße hinunter, der Karren rollte fast von selbst.

Die anderen würden ihren Ohren nicht trauen! Die Amerikaner! Die Amerikanische Armee kam von Tannefeld die Landstraße entlang! Die ersten Panzerspähwagen waren bestimmt schon in die Straße nach Nöbdenitz eingebogen, sie waren hinter uns, es würde sicherlich nicht lange dauern und sie waren da! Ob sie schießen würden? War der Krieg vorbei?

Wir liefen noch schneller. Der Handwagen zuckelte durch Schlaglöcher, knarrte gefährlich. Die Körbe drohten zu fallen, der Schweiß stand mir auf der Stirn.

Einmal blieben wir stehen, lauschten in die Stille hinein, wagten kaum zu atmen. Je länger wir horchten,
desto deutlicher meinten wir das Rollen schwerer Wagen über knirschende Kieselsteine, das Geräusch von Rädern auf dem Asphalt zu vernehmen.

Wieder flog die Schar Sperlinge von einem Busch in den anderen, zerrissen die bedrohliche Stille für einen kurzen Moment. Ein Korb rollte vom Wagen und Alfred jagte ihm nach, behielt ihn in den Händen.

„Die Amerikaner sind da!“, rief er laut, als wir unten im Dorf auf die ersten Passanten trafen. 


Ergänzende Informationen:

Tatsächlich wollte diese Neuigkeit niemand so recht glauben, als die beiden Jungen zurück ins Dorf geeilt kamen. Es dauerte ein wenig länger als erwartet, bis die amerikanischen Soldaten tatsächlich mit Panzerspähwagen in Nöbdenitz einfuhren. Sie schossen einige Male mit Maschinengewehren gerade aus in den Nöbdenitzer Wald und die „Kuhweide“, vermutlich um Angst zu machen. Am Gasthof hatte sich eine Menschenmenge angesammelt, die beobachteten, wie die Amerikaner die Bahnhofsstraße heruntergefahren kamen. Ein Panzerspähwagen lenkte dicht vor den versammelten Menschen um, woraufhin alle Soldaten wieder zurück zur Landstraße fuhren.

So stellte diese kleine Truppe amerikanische Soldaten nur erste Vorboten dar, die schnell weiterzogen. Erst einige Wochen später, kamen andere amerikanische und auch russische Soldaten, die sich länger im Dorf aufhielten, Schusswaffen, Uhren und Fotoapparate beschlagnahmten und in den Häusern und Höfen der Nöbdenitzer lebten.

 


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