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"NUR KURZ" (2002) - Marlene Hofmann
Eine sprechende Nebelschwade reichte mir ihre Hand,
umhüllte mich mit Tau,
setzte Raureif in mein Haar
und ließ meine frierenden Lippen wie Kristalle funkeln.
Sie
war so weit gegangen. Nirgends hatte sie eine Menschenseele getroffen. Es
war noch ein wenig kalt,
aber langsam, ganz langsam spürte sie den Frühling kommen. Er schlich sich
heimlich heran, nur die Vögel verrieten ihn manchmal, wenn sie etwas
lauter sangen im Morgengrauen. Sie bliesen ihre gefiederte Brust auf,
reckten das Köpfchen in die Luft und verkündeten so, dass es noch Leben
gab. Hier, wo der Winter scheinbar alles vertrieben hatte, hier gab es
noch Leben. Sie ging unermüdlich weiter. Die Morgensonne glitzerte
zwischen den Ästen hindurch und im Gras glänzte der Tau. Eine kleine
Schnecke hinterließ eine schillernd bunte Spur, auch die hatte einen
weiten Weg. Sie aber blickte zurück auf ihren Weg, den dünnen Pfad im
Wald, blickte hinunter, nahm unzählige Kleinigkeiten mit nur einem Blick
wahr. Hin und wieder schloss sie
die Augen, ging einige Schritte blind oder schaute konzentriert in das
Gewirr des Waldes hinein, während sie sich geschickt unter hängenden Ästen
hindurch duckte. Ein Specht klopfte irgendwo in der Ferne. Wieder
und wieder, sie hörte ihn hämmern. Manchmal hämmerte es auch in ihrem Kopf
und sie tastete vorsichtig nach der schmerzenden Stelle. Sie musste gehen,
schneller gehen. Ich sah sie nur kurz, habe sie nie wieder getroffen.
Flüsterndes Laub
Murmelt ungehörte Geschichten,
Wenn der Wind es
durchfährt
Und für immer trennt.
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