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Ihr neues Kind (2000) - Marlene Hofmann

„Ihr wollt noch ein Kind?!“, rief ich verblüfft und starrte meinen Vater an, der zufrieden lächelnd den Katalog
des Krankenhauses, den er soeben aus dem Computer ausgedruckt hatte, ordnete.

„Au fein, ein Brüderchen!“, jubelte meine kleine Schwester. Sie schien ganz begeistert zu sein von der
Idee, dass unsere alten Eltern noch einmal ein Kind wollten.

„Aber geht das überhaupt?“, fragte ich kritisch - ein bisschen peinlich war mir die Frage schon...
„Natürlich geht das, mein Kind!“, antwortete meine Mutter, „Heutzutage geht alles! Wer sagt denn, dass
ich das Kind zur Welt bringen werde? Das geht auch anderes!“

„Anders!“, wiederholte meine Schwester kichernd. Sie wusste nicht im geringsten, wovon hier
gesprochen wurde. Dafür war sie zu klein.

„Anders?“, fragte ich, als meine Mutter nicht weiter sprach. Sie lächelte. Kurz flog ihr Blick zu meinem
Vater hinüber; dieser nickte und lächelte ebenfalls.

„Weißt du, das ist so: Wir geben den Samen und die Eizelle ins Genlabor im Krankenhaus
und die Wissenschaftler werden damit das Kind im Reagenzglas heranwachsen lassen. Wir müssen
uns nur noch entscheiden, ob etwas am Erbgut verändert werden soll.“
Sie lächelte noch immer.

Etwas am Erbgut verändern? Irgendwie gefiel mir der Gedanke nicht. Das hieß doch, dass das Kind
dann nicht mehr so werden würde, wie es auf natürlichem Wege geworden wäre. Es bedeutete einen
Eingriff in die Natur...

„Aber das ist doch nicht schlimm!“, meinten meine Eltern, als ich die Bedenken aussprach.
„Ich glaube, du verstehst das nicht ganz. Die Forscher und Ärzte werden lediglich das verändern, was wir
auch wirklich wollen. Zum Beispiel lassen sich auf diese Weise  Krankheiten vermeiden und wir wissen
so, dass unser neues Kind vollkommen gesund sein wird.“

Das konnte ich verstehen. Aber war es nicht doch irgendwie seltsam?

„Was wäre, wenn es ohne die genetische Veränderung ein völlig anderer Mensch geworden werden
würde?“, fragte ich.

„Ach was!“, lachte meine Mutter, „Es ist doch das selbe Kind, nur mit einigen Fehlern weniger! Sieh her!“
Sie schlug den Katalog des Krankenhauses auf. „Ihr neues Kind“ lautete die fett gedruckte
Überschrift. Irgendwie gefiel mir der Titel nicht. Und überhaupt, alles sah so aus wie Versandhandel!
Einfach nur bestellen, und schwupp war das Neugeborene da! Alles war so anders im Vergleich zu dem
was Oma immer von früher erzählte. Alles war so anders zu der Zeit, in der alle meine
Lieblingsbücher spielten! Das Jahr 2000, wie gerne hätte ich damals gelebt und nicht erst
zwanzig Jahre später! Bestimmt hatten die Menschen vor zwei Jahrzehnten weniger Probleme
und vor allem nicht solche!

Ich konzentrierte mich wieder auf den Katalog. Nahezu alle schlimmen Krankheiten waren darin
aufgezählt, gegen die man sein Baby schützen konnte. Auf vielen hundert Seiten waren
wissenschaftliche Fortschritte und Verfahrensweisen der Medizin aufgeführt und erklärt. Auf den
letzten Seiten, als Bonus sozusagen, befand sich ein Fragebogen. Mutter riss ihn heraus.

„Das ist der eigentliche Teil“, meinte sie und begann laut die Fragen zu lesen. Zuerst mussten nur
Name und Adresse, Geburtsdatum, Alter und andere persönliche Daten eingeschrieben werden
in die leeren Zeilen nach den Fragen.

„Zum Kind“ war der zweite Teil des Fragebogens betitelt.

„Geschlecht?“, stand da.

„Ein Brüderchen!“, quieckte meine kleine Schwester.

Nicht einmal das bleibt der Natur überlassen, dachte ich.

„Sind alle damit einverstanden?“, fragte mein Vater, beständig lächelnd. Ich nickte, sollte es doch
ein Junge werden, sie würden meinen Protest ohnehin nicht verstehen. Dabei hatte ich meine Eltern
für kluge Leute gehalten.

„Augenfarbe?“

„Rot!“, rief meine Schwester.

„Das geht nicht!“, sagten meine Eltern wie aus einem Mund.
„Dann grün!“, kreischte die kleine empört.

„Nein, wir werden blaue Augen schreiben!“, legte mein Vater fest.

„Warum keine braunen?“, fragte Mutter und blickte in die braunen Augen ihres Mannes, die sie in
diesem Augenblick nur genervt anstarrten.

„Jeder will etwas anderes!“, rief mein Vater, „Was willst du?“

Alle schauten mich an. Ich dachte einen Augenblick nach. Es war schwer nicht in Versuchung zu
kommen, sich genauso zu benehmen wie die anderen. Auch ich mochte braune Augen, aber was war,
wenn der kleine Junge, der dann Monate nach dieser Diskussion zur Welt kommen würde, keine
braunen Augen wollte? Niemand konnte sich sein Aussehen auswählen, warum also sollte es jemand
anders dürfen? Ich hatte viel über Genmanipulation von menschlichem Erbgut gelesen und obwohl dies
nun von der Regierung erlaubt worden war, gingen noch immer viele Leute kritisch mit diesem Thema um.
„Lass das Gen doch wie es ist. Mal sehen, wie die Augen aussehen werden, wenn sich niemand am
Erbgut vergreift. Lasst euch doch überraschen. Ist das nicht viel schöner, als hier über etwas zu streiten,
was ihr eigentlich gar nicht entscheiden dürftet? So seid ihr wenigstens nicht Schuld, wenn das Kind
mit seiner Augenfarbe unzufrieden ist...“

Es herrschte Schweigen. Meine kleine Schwester schaute unzufrieden und meine Eltern nickten schließlich.
„Du hast recht. Wenn wir uns doch sowieso nicht einig sind!“, meinte Mutter schließlich. Sie zeichnete
einen Schrägstrich in das leere Feld, in das die Farbe hatte eingetragen werden sollen.
„Soll er mehr dem Vater ähneln oder der Mutter?“

„Dem Vater! Dem Vater!“, rief meine kleine Schwester.

Ich seufzte.

„Das ist doch genau das gleiche wie vorhin. Ob mein zukünftiger Bruder nun dem Vater oder der Mutter
ähnelt, spielt doch keine Rolle und trägt noch nicht einmal zu seiner Gesundheit bei!“

„Er soll aber dem Vater ähneln!“, rief die Kleine und stellte sich trotzig auf ihren Stuhl.

„Es ist nicht dein Recht, das zu entscheiden!“, fuhr ich sie an, obwohl ich wusste, dass sie im Grunde
nichts für ihr Verhalten konnte - sie verstand überhaupt nicht, über was sie hier sprachen. Erschrocken
über meine heftige Antwort schwieg sie.

„Schrei sie nicht so an!“, rief meine Mutter wutentbrannt.

„Dem Vater! Dem Vater!“, rief meine Schwester. Sie hatte neuen Mut gefasst.

„Versteht ihr mich denn nicht?“, rief ich laut, „Es ist schon schlimm genug, dass ihr überhaupt in die
natürliche Entwicklung meines kleinen Geschwisterchens eingreift, egal aus welchem Grund! Aber
müsst ihr dann auch noch solche unbedeutenden Dinge entscheiden?!“

„Kind!“, rief mein Vater, als ich mich umdrehte und aus dem Raum lief, so schnell ich konnte. Ich wollte
nichts zu tun haben mit dieser verrückten Welt, in der ich lebte.

„Jede Zeit hat seine Eigenarten, die Menschen in jeder Zeit haben ihre Probleme und man kann
nicht entscheiden, ob diese schwerwiegend oder weniger schwer sind, wenn man nicht in dieser Zeit
gelebt hat.“

Meine Oma dachte einen Augenblick nach.
„Die Zeit ist fortgeschritten, die Menschen und die Technik haben sich verändert. Ich glaube, du wirst
dich dieser Veränderung anpassen müssen.“

Diese Worte fand ich nicht besonders aufmunternd. Anpassen an Umweltverschmutzung
und Genmanipulation? Ich hatte nach langem Nachdenken noch immer keine eindeutige Antwort auf
diese Fragen gefunden, als das Kind „geboren“ war. „Geboren“ hieß, dass die Ärzte ihnen das Neugeborene
im Krankenhaus übergaben. Es sah genauso aus, wie jedes Kind, wenn es zum ersten Mal das Licht der
Welt erblickte. Klein, schrumpelig, mit zarter, geröteter Haut - nur das dieses hier zuerst das Licht
der Neonröhren im Labor erblickt hatte.

Seit unserem Streitgespräch vor vielen Monaten hatte ich kein Wort mehr mit meinen Eltern über
dieses Thema gesprochen.

Mit gemischten Gefühlen blickte ich meinem kleinen Bruder in die hellbraunen Augen, als ich ihn das
erste Mal im Arm hielt.

„Er ist vollkommen gesund, auch ohne unser Zutun“, sprach der Arzt und ich spitzte die Ohren. Vielleicht
gab es doch noch Hoffnung? Vielleicht muss ich mich nicht in meine Zeit fügen? Ich drückte mein
Brüderchen sanft an mich und lächelte.

 


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