Veröffentlichtes / Gedichte / Geschichten / Erzählungen / Malerei & Multimedia / Grußkarten
Linx / Gästebuch / Impressum & Kontakt ----- STARTSEITE ----- [ / / ]

 


"GIB NIEMALS AUF" (1998) - Marlene Hofmann

Anna zuckte zusammen. Was war das eben für ein Geräusch? Es klang wie ein Poltern, ein Rumpeln. Das Mädchen hielt den Atem an und spitzte die Ohren. Ihr war es, als höre sie Schritte. Dann wieder hörte sich
der Laut an wie Mäusegetrappel und gleich darauf ging es in ein monotones Klopfen über, bis es schließlich gänzlich verschwand. Anna wagte es nicht, sich zu rühren., ja sie traute sich nicht einmal aufzustehen und das Licht anzuknipsen.

Wie lange war es doch schon her, dass sie fröhlich mit ihren Freunden ausgegangen war? Wie war sie nicht mehr im Kino gewesen? Seit sie umgezogen waren. Annas Eltern hatten sich ganz plötzlich entschieden
nach Berlin zu ziehen. Dort hätten sie bessere Möglichkeiten Arbeit zu finden, sagten sie. Seitdem war nun erst ein Monat vergangen, doch Anna kam es vor wie ein ganzes Jahr. Sie hatte alle ihre Freunde zurücklassen müssen und hier fand sie keine Neuen. Die Schüler ihrer neuen Klasse belästigten und ärgerten sie oder beachteten sie einfach nicht. Anna war eine Ausgestoßene, eine Außenseiterin.

Alles kam ihr so sinnlos vor, als sie am nächsten Tag zur Schule ging. Das Mädchen trug kaum noch einen Funken Hoffnung auf bessere Zeiten in sich, doch noch gab sie nicht auf. Schließlich war die neunte Klasse der Hauptschule bald zu Ende und dann würde sie nicht mehr in die verhasste Schule gehen müssen.

Anna fühlte sich beobachtet. Flüchtig drehte sie sich um. Alles schien normal zu sein: Kinder mit Ranzen
und Sporttasche, ein Mann mit einer Aktentasche und einem schwarzem Jackett, eine alte Frau mit voll bepackter Einkaufstasche, ein vor einem Geschäft angebundener Hund, ein Radfahrer – das Gleiche wie
jeden Tag. Doch Anna nahm alles nur durch einen dicken Schleier wahr. Sie befand sich unter Menschen und war dennoch allein.

Plötzlich flog eine Taube hoch. Anna erschrak heftig und wurde brutal aus ihren Gedanken gerissen. Sie ärgerte sich. Wie schreckhaft war sie nur in letzter Zeit !

Anna Linhold kam rechtzeitig zur Schule, wie jeden Tag , packte flink ihre Bücher aus und verdrückte sich dann mit einem Heft zum Lernen in eine stille Ecke. Dort konnte sie niemand stören. Erst mit dem Stundenklingeln kam sie aus ihrem Versteck. Jeden Tag. Die Stunden wälzten sich dahin, so wie alles, was schnell vergehen sollte, noch langsamer verging. In der Pause beobachtete sie manchmal ihre Mitschülerinnen  und wünschte sich auch wieder wie jedes Mädchen über Stars, Musik, Kinofilme und Jungs mit ihren Freundinnen sprechen zu können. Fast immer war sie einsam. Manchmal war sie den Tränen nahe. Zu Hause tröstete sie sich mit ihrem Kater „Brian“, benannt nach einem Mitglied der „Backstreet Boys“, einer berühmten Popgruppe und ihrem Wellensittich „Trudi“, der sprechen konnte wie ein Wasserfall und den
ganzen Tag durch Annas Zimmer fliegen durfte. Die zwei Tiere waren zur Zeit ihre besten Freunde. Nicht einmal ihre Eltern hatten für sie Zeit. Ständig waren sie auf Arbeit. Dann ertönte das Klingeln zur großen Pause. Alle drängten sich auf den Pausenhof, auch Anna. Schon nach kurzer Zeit verzog sie sich in einen stillen Winkel an der Hausecke, wo keiner sie sehen konnte.

Auf einmal kam eine kleine Gruppe von Jungen auf sie zu. Anna lief ein eiskalter Schauer über den Rücken.; unwillkürlich begann sie zu zittern. Was wollten die bloß von ihr? Das Mädchen suchte verzweifelt nach
einem Fluchtweg. Die Situation schien aussichtslos und diese Typen dort kamen immer näher!  Ehe sie es sich versah, war sie eingekreist worden. Voller Angst stolperte sie einen Schritt nach hinten und stieß gegen die Hausmauer. Kalter Schweiß rann dem Mädchen den Rücken hinunter Sie wagte es nicht, in die finsteren Gesichter der Verfolger zu schauen.

„Wie viel Taschengeld bekommst Du?“, begann der eine. Er war sehr groß und  sah höhnisch auf sie herab. Anna wusste sofort, worauf er hinaus wollte. „Überhaupt keines“, antwortete sie leise, um der Sache auszuweichen. Doch ihr Argument hatte wohl wenig glaubwürdig geklungen, denn der Riese zückte das Messer und bedrohte sie. Zehn Mark sollte sie mitbringen, sonst würde er ihr „das Gesicht verschönern“, wie er es ausdrückte. Dabei hatte er vielsagend vor ihrem Gesicht mit dem Messer durch die Luft gefuchtelt.

Anna hatte zwar schon von derartigen Brutalitäten gehört, aber sie hätte nie geglaubt, dass es sie selbst betreffen könnte. Auf dem Nachhauseweg schlich sie betrübt durch die Straßen. Immer langsamer wurde sie, bis sie schließlich stehen blieb. Lustlos beugte sie sich über das Brückengeländer. Da kam ihr plötzlich eine schreckliche Idee. Anna wollte sich umbringen, einfach nur von der Brücke hinunter in den Fluss springen und alles wäre vorbei! Es konnte doch so einfach sein. Dann würden die furchtbare Angst und die ständige Einsamkeit, die immer an ihr hafteten und sie Tag für Tag verfolgten, nicht mehr sein. Außerdem würde sie sich nicht mehr das dumme Getuschel ihrer Mitschüler anhören müssen. Aber war das wirklich das, was sie wollte? Wollte sie nicht immer kämpfen bis sie die Schule beendet hatte, um dann zu ihren Freunden, die so weit weg schienen zurückzukehren? Wo war ihr Ehrgeiz geblieben?

Als Anna diese Fragen blitzschnell durch den Kopf rasten, kehrte die Hoffnung für einen Moment zurück und sie fasste den Entschluss NEIN; ICH WILL LEBEN!

Aus ihrer Verzweiflung heraus, gab Anna den Jungen das Geld, doch sie kamen immer wieder, verlangten mehr Geld und das Mädchen gab es ihnen.

So verging die Zeit. Anna ging in die Schule, lernte oft und startete mehr als einmal einen Selbstmordversuch. Doch sie kämpfte sich weiter durchs Leben. Es muss immer weiter gehen, dachte sie.

Am Ende des Jahres war eine große Abschlussfeier geplant. Doch Anna kam nicht. Statt dessen nahm sie ihr Zeugnis, packte ihren Rucksack und machte sich mit dem Zug auf den Weg in die Heimat.

Die Sonne schien warm vom Himmel und  die Vögel zwitscherten Der Sommer war nun voll im Gange. Anna lief gerade verträumt den alten Sandweg zum Dorf hinauf. Der Sand und die Steine glitzerten unter ihren Füßen, als sie langsam eine Gestalt auf sich zu kommen sah. Durch einen dicken Schleier von
Freudentränen erkannte sie ihre Freundin. Lachend und weinend zugleich rannte sie auf das Mädchen zu.
Ihre langen blonden Haare wehten, als beide sich weinend vor Glück in die Arme fielen. Anna hatte ihren Rucksack fallengelassen und drückte ihre Freundin nun fest an sich. Nie mehr wollte sie sie loslassen.
Glück und Hoffnung waren in diesem Moment zu Anna zurückgekehrt.

 


Tadracomix weiterempfehlen! - Besucher: - Stand: 25. September 2009 - www.tadracomix.de - Seit 2002 - Bookmark and Share