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"DORNEN - DORNRÖSCHEN MAL ANDERS" (2002) -
Marlene Hofmann

„Ich wünsche dir viel Gesundheit, kleine Rosmarie.“, sagte der Erste, der von dem einem Turnschuh nervös
auf den zweiten trat.

„Und ich wünsche dir, dass du mal die beste Frauenfußballerin Deutschlands wirst!“

„Ich wünsch dir alles, was du dir auch wünschst!“, murmelte der Dritte und seine gelben Zähne blitzten als er lächelte.

Die anderen Mitglieder von Papas Fußballverein hatten sich rings um mich versammelt.

„Ich will, dass das auch alles in Erfüllung geht...“, fügte der nächste hinzu und der fünfte wünschte eine Eins
in Sport, der Sechste eine gute Lebensversicherung und dem Siebten fiel nichts ein, weshalb er nur lächelte und schnell wieder zurücktrat.

Der Achte stand lange schweigend vor meiner Wiege und schaute hinein, reckte mir dann eine seiner schwieligen Hände entgegen und die raue Haut strich über mein Gesicht.

„Viel Glück, Kleine“, sagte er leise.

Der Neunte drängte ihn weg: „Reichtum, reich sollst du sein!“

„Bescheiden sollst du leben.“

„Schön sollst du werden, das ist das Wichtigste!“

Der Zwölfte kaute auf seiner Lippe und blickte mich nachdenklich an.

Da flog auf einmal die Tür auf und der Ersatz-Torwart stürmte herein, die Tür schlug laut hinter ihm ins Schloss. Alle schwiegen erschrocken, ich sah wie meine Mutter auf ihrem Hocker neben mir zusammenzuckte. Ich lachte fröhlich und schlug mit meiner Hand einmal gegen die Klapper, die an der Seite baumelte.

Schweigen.

„Warum habt ihr mich nicht eingeladen?“, brüllte der Dreizehnte so laut, dass seine Stimme im Saal widerzuhallen schien, „Ich verfluche dieses Kind! Ich verfluche diese Feier! Ich verfluche euch alle!!“

Einen Moment hielt er inne und ließ den Blick seiner kleinen, geschwollenen Augen ernst durch den Raum schweifen.

„Dieses Kind“, fuhr er mit würdevoll erhobener Stimme fort, „Soll sich an seinem achtzehntem Geburtstag stechen und tot umfallen!“

Ein Raunen ging durch die Menge, die Mutter und der Vater waren bleich wie die Tapete an den Wänden.

Der Aushilfe-Torwart drehte sich auf seinen Stollen um und verließ den Raum mit einem weiteren eindrucksvollem Schlagen der Tür. Seine Spikes hatten hässliche Kratzer auf dem Linoleum hinterlassen.

„Oh Gott“, stammelte meine Mutter und ich brabbelte etwas in Babysprache dazu.

„Ja, das war doch nicht sein ernst, oder?“, stammelte Nummer Vier.

„Kann denn keiner etwas tun?“ Mein Vater raufte sich seine spärliche Kopfbehaarung.

Wieder schwieg man sich an, irgendwo klirrte ein Bierglas gegen eine Flasche.

„Ich...“, stammelte der Zwölfte, „Ich habe noch nichts gewünscht! Ich könnte...“

Keiner sagte was.

Der Zwölfte räusperte sich und zupfte seine Jogginghose gerade. Das Blitzlicht einer Kamera wurde von den Wänden zurückgeworfen. Der schon etwas ältere Herr holte hörbar tief Luft und begann dann leise zu sprechen:

„Ich kann den Fluch zwar nicht rückgängig machen, denn gesagt ist gesagt. Aber ich kann ihn mildern. Rosmarie wird sich an ihrem achtzehnten Geburtstag zwar stechen, aber sie wird nicht tot sein, sondern hundert lange Jahre schlafen und ihr alle mit ihr.“

Alle sahen sich beschämt an.

Der Vater nippte bedächtig an einer Bierflasche.

„Das ist ja schön“, nuschelte meine Oma aus einer Ecke des Raumes und eine Träne der Rührung rollte ihr über die damals schon eingefallene Wange.

Ja, so war das. Und nun bin ich siebzehn Jahre und 364 Tage alt, meine Eltern sind nervös wie noch nie und bei mehreren Psychologen gleichzeitig in Behandlung. Sie haben alles getan, was sie tun konnten. Und die Geschichte kenne ich nicht etwa, weil meine Mutter oder mein Herr Papa sie mir erzählt hatten, sondern weil sie der Oma in Erinnerung geblieben war. Kaum jemanden, außer ihr, war die peinliche Ähnlichkeit zur Lebensgeschichte Dornröschens aufgefallen, weil die alten Märchen sowieso keiner mehr kannte. Doch einen Unterschied birgt meine Geschichte: Werder der zwölfte noch der dreizehnte Fußballer haben erwähnt, an
was ich mich morgen stechen werde.

Meine Eltern haben mich nie gelehrt, mit Messer und Gabel zu essen und ich hatte weder Stricken noch Häkeln gelernt. Keine Socke in unserem haus je gestopft, kein zerrissenes T-Shirt genäht worden. Unsere Nachbarn halten uns für verhaltensgestört. Wenn man unser Haus betritt, steigt einem sofort ein sehr eigener, aber dafür beständiger Geruch nach Insektensprays, Mottenkugeln und Mückensteckern in die Nase. Ausnahmslos jedes Insekt, das stechen kann, hat hier seinen Tod gefunden. Ich durfte, als ich in die
Pubertät kam, im Gegensatz zu allen meinen Freundinnen keine Ohrringe haben und auch sonst sind mir Piercings und Tatoos verboten worden. Einmal, als ich krank war und die Heilpraktikerin aufsuchte, lehnten meine Eltern die Akupunkturbehandlung ab, obwohl sie eine Chance Heilung versprach. Bei mir zu Hause findet man keine Angelhaken, Schaschlikstäbe, Igel oder Kugelfische und in unserem Garten wächst kein dorniges Gestrüpp. Ich habe niemals eine Rose geschenkt bekommen und durfte auch keinen Freund haben.

Wie soll ich da nicht depressiv werden? Als ich sechszehn war, hab ich zum ersten Mal Zigaretten und
später auch Haschisch geraucht. Aber davon weiß niemand. Das Zeug war ganz einfach zu bekommen von dem schuleigenen Dealer, der selbst erst in der neunten Klasse gewesen ist. Was mit Hasch begonnen hat, hat sich dann über sämtliche Tabletten, Pillen und Pilze bis hin zum Kokain und Heroin fortgesetzt. Ich
komm nicht mehr aus ohne das Zeug. Es ist genau 23:30 Uhr. Ich habe mir vorgenommen bis zu meinem Geburtstag wach zu bleiben. Die anderen schlafen schon. Ich bin gespannt, wie das ablaufen wird. Wäre ja lustig, wenn alles nur dummes Gerede war und gar kein Fluch auf mir liegt. Dann hätte der
Auswechseltorwart, der vorletztes Jahr an einem Herzinfarkt gestorben ist, alle verarscht. Genau 0:00 Uhr
setz ich mir eine neue Spritze, denn wenn ich mich nachher heimlich mit meinen Freunden zur Mitternachtsfeier treffen will, muss ich die nachdenkliche Stimmung irgendwie losgeworden sein.

Alles um mich herum wird schwarz. Entgegen der sonstigen Wirkung meiner Spritzen bin ich unglaublich müde... und muss wohl irgend wann eingeschlafen sein. Was krabbelt mir im Gesicht? Verdammt, wer
weckt mich schon so früh!  Die Tussi, die an meinem Bett steht, sieht genauso aus wie ich. Sie hält meine Hand und ihr Blick wandert immer wieder von der Uhr, zum Kalender und zu mir zurück.

„Hundert Jahre auf die Minute genau“, sagt sie in einer perfekt hochdeutschen Aussprache. Ein junger Herr
im weißen Kittel betritt mein Zimmer und lächelt selbstherrlich.

„Tatsächlich“, sagt er mit Forscherstolz, „Sie sind alle wieder aufgewacht. Nach genau hundert Jahren und sehen dabei keinen Tag älter aus! Na, Dornröschen, wie geht’s?“

Ich mag sein Grinsen nicht. Mein Ebenbild mir gegenüber lächelt mich beständig an. Dieses aufdringliche unechte Lachen will ich nicht sehen!

Auf dem Schild an ihrem Pullover steht, dass sie Klon Nummer 45 ist und vor fünf Jahren fertig gestellt wurde.

 


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