![]() |
|
|
Veröffentlichtes /
Gedichte /
Geschichten /
Erzählungen /
Malerei & Multimedia /
Grußkarten |
|
|
|
„Gesunde Ernährung ist das allerwichtigste...“ Papa wurde mal wieder ausschweifend, während unsere Mägen knurrten. „Gerade in der heutigen Zeit ist es entscheidend, dass wenigstens einige gesund sind. Schaut euch all die Kranken an!“ „Ich kenne keinen vCJK-Kranken, Waldemar“, warf Mama gelangweilt ein. Sie hatte den Arm an die Scheibe gelehnt und ihren Kopf darauf gelegt. „Ich sprach auch nicht von Rinderwahn, sondern allgemein. Immer neue Krankheiten treten auf. Hast du nicht in der Zeitung gelesen? Genau deshalb ist gesunde Ernährung das Allerwichtigste!“ Mein Magen knurrte. „Papa, bekommen wir jetzt etwas zu essen?“, fragte meine kleine Schwester. „Ja, wir halten gleich an. Ich werde uns etwas Gesundes suchen.“ „Waldemar, du hast doch noch nie unser Essen ausgewählt!“, rief Mama erschrocken. „Deshalb werde ich es ja heute tun, Schatz. Lass mich nur machen.“ „Du hast zu viel gelesen“, murmelte Mama, aber Papa schien es nicht zu hören. Der Motor des Autos ratterte ein wenig, die leise Melodie aus dem Radio übertönte ihn nicht ganz. Schweigend lösten wir die Gurte, nachdem Waldemar Berg den Wagen in einer engen Parklücke zum Stehen gebracht hatte. Papa zog umständlich seine Handschuhe an und dann wendete er sich wohl willkürlich nach links. „Denk daran, dass wir in einer fremden Stadt sind! Nicht, dass wir uns verlaufen!“, sorgte sich Mama. „Ach was“, tat Papa die Bemerkung ab, „Wir sind schließlich wieder zurück in Deutschland, da kann man die Leute auch nach dem Weg fragen.“ Der Kurzurlaub in Italien war vorüber, wir müde und Papa hatte endlich einmal Zeit gehabt, all die Zeitungen zu studieren, die er zu Hause nie gelesen hatte. „Hunger!“, brüllte meine Schwester wie ein frisch geschlüpftes Vogelküken. Vielleicht fand sie besonderen Spaß daran, diesen Ausruf ständig zu wiederholen, denn bald war die Stimmung der einzelnen Familienmitglieder noch tiefer gesunken, als wie sie es ohnehin schon war. „Sobald ich ein passendes Restaurant gefunden habe, gibt es etwas gegen den Hunger“, legte Papa fest. „Waldemar, ich sehe hier weit und breit keine Gaststätte.“ Papa seufzte und blieb die Antwort schuldig. „Papa, Papa!“, drängte meine Schwester, „Da vorn ist eine Imbissbude!“ „Da gehen wir nicht hin. Ich sprach von etwas zu essen.“ „Ich möchte Pommes!“ , widersprach Waldemars jüngere Tochter trotzig. Papa fasst die kleine Lisa an der Hand und zog sie mit sich. „Du glaubst gar nicht, was in solchen Pommes alles drin ist...“, begann er. „Kartoffeln?“, fragte meine Mama gereizt. „Von wegen Kartoffeln! Das sind alle schmutzigen Reste, die man noch zusammengekehrt hat!“ „Aber trotzdem Kartoffeln...“, murmelte Mama. Meine Schwester war mittlerweile wieder in ihr monotones „Hunger!“-Rufen übergegangen. Ich atmete
auf, als ich am anderen Ende der Straße das Schild „Pizzeria“ entdeckte.
Meine Mutter musste „Ach, Gisela!“, rief mein Vater mit gequältem Gesichtsausdruck aus, „Ich wollte keine Pizza essen, du weißt doch, wie wenig mir das schmeckt und...“ „Es gibt
dort sicherlich auch noch etwas anderes!“, unterbrach ihn Mama und öffnete
die Tür ohne einen weiteren Blick auf die Speisekarte draußen im
Schaukasten zu werfen. Meine Schwester und ich drängten Der
freundliche Kellner wies uns einen der vielen freien Tische zu und nahm
sogar die Jacken, um sie dann „Hier ist doch kein Mensch“, murrte Papa, „Wer weiß, wie das Essen hier schmeckt!“ „Waldemar, ich bitte dich!“, fuhr ihn Mama an und alle sahen wieder schweigend in die Karte. Lisa war die erste, die ihre Karte zufrieden beiseite legte. „Was hast du dir ausgesucht?“, wollte Papa wissen. „Salami-Pizza.“ „Die kommt nicht auf den Tisch“, legte Papa entschieden fest, „Salami enthält auch Fleisch vom Rind.“ „Ich denke, es geht hier nicht um BSE?“, seufzte Mama. „Gisela, das ist ein unnötiges Risiko in einer Pizzeria Salami zu essen.“ Mama wendete sich einsichtig an Lisa. „Such dir eine andere Pizza aus, Kind.“ „Ich will aber keine andere Pizza!“, protestierte Lisa. „Und ich will gar keine Pizza“, mischte sich Papa ein, „Und weil es hier nichts anderes als Pizza und geröstetes Hähnchen gibt, werden wir woanders essen gehen.“ „Wie bitte?“ Mama schnappte nach Luft. „Was hast du denn gegen Hähnchen?“ „Schatz“, begann Papa, „Das ist garantiert so ein armes Tier aus einem dieser engen Käfige, die niemals das Licht der Sonne erblickt haben. Du ahnst nicht, wie schnell sich Seuchen unter solchen Vögeln ausbreiten. Auch darauf sollte man bei einer gesunden Ernährung achten. Wie gesagt, eine gesunde Ernährung ist...“ „...das allerwichtigste überhaupt.“, vollendete Mama den angefangenen Satz. „Gisela, ich bitte dich.“ Der Kellner staunte nicht schlecht, als seine einzigen Gäste ihre Jacken wieder anzogen und mit betrüben Gesichtern die Pizzeria verließen. Der nächste Weg führte zurück zum Auto. „In dieser verdammten Stadt gibt es keine ordentliche Gaststätte!“, schimpfte Papa. Keiner erwiderte etwas und so setzten wir die Autofahrt stumm und mit knurrenden Mägen fort. Als Lisa einen Schokoriegel aus der Tasche zog und ihn lautstark öffnete, hielt Papa am Straßenrand an und fragte, was sie da esse. Lisa zeigte ihm die Schokolade und Papa las die Inhaltsstoffe. „Da sind Sojaextrakte drin. Das sind bestimmt diese Genmanipulierten aus Amerika! Ich will nicht, dass du das Zeug isst!“ „Waldemar!“, warnte Mama. Lisas Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Papa, du weißt doch gar nicht, ob das Soja aus Amerika kommt!“, sagte sie vorwurfsvoll und drehte die Schokolade einmal in ihren Händen. „Wenn nicht, dann sind immer noch mindestens zehn verschiedene Emulgatoren drin! Das ist doch gar keine Schokolade, sondern reinste Chemie!“ Lisa legte die Schokolade beiseite. Papa lenkte den Wagen durch kleine Dörfer und über Landstraßen. „Warum fährst du nicht gleich auf der Autobahn, Waldemar? Hier wirst du sowieso nichts zu essen finden!“, beschwerte sich Mama gereizt. „Warte erst einmal ab...“ Papa hatte die Worte noch nicht zu Ende gesprochen, als wir zum dritten mal an einem Dorfgasthof vorbeifuhren. „Der hat bestimmt auch wieder zu, Papa!“, murrte Lisa. Papa hatte das Auto jedoch bereits direkt vor dem Eingang des Wirtshauses geparkt und war ausgestiegen. Er lief einmal bis zur Tür und winkte dann freudestrahlend. „Es hat geöffnet!“, rief er uns zu. Also verließen auch wir anderen den Wagen und stiegen die Treppe hinauf. In der recht großen Gaststube war es warm und einige Tische besetzt. „Hier ist es gemütlich“, freute sich Papa und wollte gute Laune verbreiten. Schnell suchten Lisa und ich einen Tisch aus und begannen in der dort liegenden Speisekarte zu blättern. „Ich würde euch Fisch empfehlen...“, fing Papa an, noch ehe jeder einen genaueren Blick auf das Angebot werfen konnte. „Forelle Müllerin?“, ächzte Mama, „Jetzt fang auch noch an, uns vorzuschreiben, was wir zu essen haben!“ „Du musst nicht Forelle nehmen, es gibt auch noch Karpfen in Buttersoße.“ „Ich möchte aber weder Forelle noch Karpfen“, warf Mama ein. „Ich auch“, schloss sich Lisa ihr sofort an. „Wie wär’s mit Beefsteak?“, grinste Mama. „Gisela! Willst du mich ärgern!“, fauchte Papa. „Das war ein ernst zu nehmender Vorschlag...“ Papa tat, als beachte er Mama nicht. Einige Augenblicke lang, starrten alle still in die Liste. „Ich würde euch Lamm empf...“ „Du empfiehlst hier gar nichts mehr!“, unterbrach ihn Mama mit einem Blitzen in den Augen. „Was soll dieser Ton, Gisela?“, fragte Waldemar Berg erschrocken. „Die Kinder haben Hunger und ich auch. Nur weil du in sämtlichen Zeitungen über BSE, Hühner- und Schweinewahn, tote Ratten in Hamburgern und Essen aus dem Labor gelesen hast, musst du doch ein wenig auf dem Teppich bleiben, oder? Hättest du das nicht gelesen, dann hättest du auch nie etwas bemerkt!“ Ich konnte sehen, wie Papas Erstaunen in Zorn umschlug. „Man soll sich aber informieren, gute Frau!“, sagte er in einem Ton, der verriet, wie schwer es ihm fiel, sich zu beherrschen. „Natürlich soll man das. Man soll auch ernst nehmen, was in so einem Bericht steht, aber man darf es nicht übertreiben. Vielleicht sollen wir alle Vegetarier werden?“ „Nein, natürlich nicht“, lenkte Papa ein, „Aber ich kann es absolut nicht ausstehen, wenn du Witze über solch eine ernste Sache reißt! Wie soll ich den Kindern jemals beibringen, wie sie sich gesund ernähren in der heutigen Zeit, wo die gesunde Ernährung doch das allerwichtigste überhaupt ist, wenn du mir in den Rücken fällst?“ „Ich falle niemanden in den Rücken, ich habe nur Hunger!“, widersprach Mama und verschränkte die Arme. Ihr Blick war herausfordernd. „Ich hab auch Hunger!“, rief Lisa laut. Einen Moment herrschte Schweigen. Ich fühlte mich unbehaglich in meiner Haut und mein Blick wanderte ständig zwischen Mama und Papa hin und her. Der Kellner trat mit einem Notizzettel in der Hand an den Tisch. „Haben Sie sich bereits entschieden?“, fragte er. Papa schüttelte den Kopf. „Darf ich Ihnen wenigstens schon etwas zu trinken bringen?“ „Ich hätte gern eine Cola“, begann Lisa sofort. „Nein!“, fuhr Papa sie an, „Cola ist ungesund. Die besteht doch nur aus Zucker und Koffein! Wie wär’s mit einem Saft?“ Lisa schüttelte den Kopf. „Ich mag keinen Saft!“ Der Kellner trat ungeduldig von einem Bein auf das andere. „Für mich bitte nur einen Kaffee“, sagte Mama. „Und du machst es den Kindern gleich noch vor. Was hab ich denn gerade über Koffein gesagt?“ „Waldemar, jetzt übertreibst du! Wir sind hier in der Öffentlichkeit. Ein Kaffee ist ein ganz normales Getränk.“ „Aber ein schlechtes Beispiel für die Kinder!“, erwiderte Papa trotzig. „Jeder Mensch ist dann ein schlechtes Beispiel!“, rief Mama mit erhobener Stimme. Papas Gesicht war gerötet, als er aufsprang und laut sagte: „Eine gesunde Ernährung ist das Allerwichtigste. Das kann man in jeder Zeitung lesen und in allen Nachrichtensendungen hören, sicherlich gibt es auch im Internet Millionen Websites dazu... Hab ich nicht recht?“ Er schaute
in die Runde. Die meisten anderen Gäste schauten uns verwirrt an und ein
alter Mann nickte Der Kellner räusperte sich leicht erzürnt. „Wenn Sie sich jetzt entscheiden würden...?“ Keiner sagte ein Wort. Mit einem Mal hatte sich unbehagliches Schweigen ausgebreitet. „Wir gehen“, sagte Papa dann plötzlich. Mama starrte ihn entrüstet an. „Waldemar,
was soll das? Können wir nicht einmal mehr normal essen gehen? Lass dem
Kind seine Cola Ich schwieg verwirrt. Um mich hatte sich bisher keiner gekümmert. „War das nun die Bestellung?“, fragte der Kellner. „Jetzt warten Sie erst einmal ab!“, fuhr ihn Papa an, „Das hier ist eine wichtige Diskussion. Seit wann bestimmst du, Gisela, was ich zu essen habe?“ „Seit du bestimmen willst, was wir essen sollen!“ „Ich mein es doch nur gut!“, brüllte Papa in einem Ton, der an seinen Worten zweifeln ließ. „Du meinst es aber zu gut!“, schrie Mama zurück, „Man sollte es nicht übertreiben.“ Der Gesichtsausdruck des Kellners war mittlerweile gar nicht mehr freundlich und die anderen Gäste redeten aufgeregt durcheinander. Einige beschwerten sich laut, dass sie ihre Ruhe haben wollten. „Es wäre vielleicht besser, wenn Sie jetzt gehen würden“, sagte der Kellner dann plötzlich mit drohend erhobener Stimme. Mama sah ihn betroffen an und meine jüngere Schwester verwies noch einmal auf ihren leeren Magen. Papa allerdings war schon aufgesprungen und hatte seinen Mantel gepackt. „Los, kommt!“ Die Tür
klappte hinter ihm zu, als sich auch der Rest unserer Familie regte und
langsam die Gaststube Papa hielt die Arme verschränkt wie ein trotziges Kind. Nur wenige Augenblicke später bog Mama auf den Parkplatz eines Supermarktes ein und befahl den uns im Auto zu warten. Als sie zurückkam, hatte sie für jeden ein trockenes Brötchen mitgebracht. „Mit Körnern“, sagte sie spöttisch, „damit ihr alle schön gesund bleibt.“ |
|
|
|