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"DAS KRANKENHAUS, SILVESTER, DER SANDMANN UND DIE FOLGEN" (2001) - Marlene Hofmann

Mein Kopf tat weh. Vorsichtig strich ich mir mit der linken Hand über die Stirn und spürte den Verband. Er war immer noch da. Es war also kein Traum gewesen. Ich seufzte und versuchte meinen Kopf in die Richtung zu bewegen, wo das andere Krankenbett stand. Dabei schoss ein gemeiner Schmerz wie mehrere Silvesterraketen durch meinen Kopf und ich blieb stocksteif so liegen, wie ich schon die ganze Zeit über gelegen hatte und hoffte, dass der Schmerz sich legen würde. Die Silvesterraketen verschwanden allmählich, das Feuerwerk war vorüber. Hilflos starrte ich an die kahlen, weißen Krankenhauswände und mir wurde schwarz vor Augen. Was war nur passiert? Ich wusste, dass es irgend etwas mit den Silvesterraketen zu tun hatte. Und mit einer kleinen Mauer, von der ich herunter gefallen war und deshalb tat mein Kopf nun so
höllisch weh. Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Die Rangeleien, Streitereien, Silvesterraketen, der Alkohol und das Blaulicht - dann war Schluss mit der Erinnerung.

Aus den Augenwinkeln sah ich meinen Zimmergefährten. Er sah zu mir herüber, schwieg aber. Ich konnte ihn nicht ausstehen und er mich nicht. Er war der Grund für all den Ärger. Der Grund für all die Streitereien. Oder war ich der Grund?

Dann flog die Tür auf und die breiteste Frau, die ich je gesehen hatte, stürmte in den Raum. Es war die Oberschwester. Ich hatte sie schon einmal gesehen, aber ich wusste nicht mehr wann.

Sie fummelte an dem eingegipsten Bein meines Mitbewohners herum, brachte das Frühstück, kontrollierte meinen Puls, der scheinbar ungewöhnlich hoch war, wie ich an ihrem Gesichtsausdruck erkennen konnte. Ich brauchte nicht einmal den Kopf zu drehen, um ihr ins Gesicht sehen zu können, denn einen Augenblick
später beugte sie sich über mich und löste mit schnellen Bewegungen den Verband, der um meinen Kopf lag.

„Den brauchen wir nicht mehr", meinte sie, als sie sich mühsam wieder aufrichtete.

„Er tut aber trotzdem noch unheimlich weh", murmelte ich, irgendwie klang meine Stimme belegt, anders als sonst.

„Wer? Der Verband?", fragte die Oberschwester gedankenverloren, während sie auf meiner Bettdecke herumklopfte, sodass meine blauen Flecken und Schrammen aufs Neue zu spüren waren.

„Nein, mein Kopf", seufzte ich.

Daraufhin brachte sie mir irgendeine Tablette, die ich ohne Widerrede sofort schluckte, in der Hoffnung, dass mir diese Silvesterraketen aus dem Kopf gehen würden. Bald darauf ließ der Schmerz etwas nach, ich wurde müde und schlief wieder ein. Das Frühstück, das neben mir auf dem Nachttisch stand, hatte ich nicht angerührt.

Als ich später wieder erwachte, stand neben meinem Bett ein Rucksack und auf dem Nachttisch lagen ein Briefblock, Stifte und zwei Bücher. Zwei Bücher? Hatte ich meinen Eltern nicht gesagt, sie sollten die drei Bücher, die auf meinem Schreibtisch gelegen hatten, mitbringen, wenn sie mich besuchten? Ganz vorsichtig drehte ich meinen Kopf und war erleichtert, dass nicht eine einzige Rakete darin explodierte. Ich sah meinen Zimmergefährten, der mich nicht bemerkte, weil er seine Nase in eines meiner Bücher steckte. Resigniert zuckte ich die Schultern, doch das hätte ich besser nicht tun sollen. Einen Moment schloss ich die Augen, dann legte sich der Schmerz. Ich wusste nun, wo die Silvesterraketen aus meinem Kopf sich nun aufhielten.

Dafür ging es meinem Kopf schon viel besser. Ich schaute mich um und suchte eine Uhr. An den weißen Wänden war keine Uhr zu sehen und auf dem Tisch neben mir war auch nichts der gleichen. Meine Armbanduhr fehlte. Ich überwand meinen Widerwillen mit meinem Mitbewohner zu sprechen und fragte: „Wie spät ist es?"

Er knurrte und blickte von meinem Buch auf. Ich sah, dass er schon sehr viel gelesen hatte, ich musste also lange geschlafen haben.

„Um zwei", brummte er schließlich, „das Mittagessen ist bereits vorbei. Hast aber nichts verpasst, es hat sowieso nicht geschmeckt."

„Mmm", machte ich und damit war das Gespräch beendet.

Gelangweilt starrte ich an die Decke. Ach, wie liebe ich Krankenhäuser, dachte ich und grinste. Das neue
Jahr fing gut an, es war schließlich etwas Außergewöhnliches Punkt Null Uhr in einem Rettungswagen mit Sirene und Blaulicht zu liegen. Warum mussten die Menschen zur Jahreswende nur immer so ein Spektakel veranstalten (mich eingeschlossen) ?

Wieder kam die Oberschwester ohne jegliche Vorwarnung zur Tür hereingepoltert.

„Na, wie geht's dem Kopf?", fragte sie im Plauderton, während sie einen Stapel Handtücher neben das Waschbecken legte.

„Hast du Hunger?", fragte sie weiter, ohne, dass ich auf die vorangegangene Frage geantwortet hatte.

Ich konnte gerade noch im letzten Augenblick verhindern, mit den Schultern zu zucken, indem ich mich an
die Silvesterraketen von vorhin erinnerte.

„Ja", sagte ich deshalb und wartete bis die Schwester mit einem Tablett zurückkam.

Unschlüssig starrte ich auf den Tee und den Zwieback, der samt dem Tablett auf meiner Bettdecke stand und bedrohlich hin und her schwappte, wenn ich atmete.

„Guten Appetit", grinste mein Kollege hinter meinem Buch hervor, als die Schwester hinausgeeilt war. Sie machte mich ganz nervös mit ihrer Hektik. Entschlossen hob ich die Teetasse hoch, was mir nicht besonders leicht fiel. Meine Muskeln schmerzten. Als ich einen Schluck trinken wollte und das heiße Getränk meine Lippen berührte, zuckte ich zurück, stieß einen kurzen Schrei aus und verschüttete dabei den Tee quer über die Bettdecke, über das Tablett und den Zwieback.

Mein Zimmerkamerad amüsierte sich köstlich. Während ich nach der Oberschwester klingelte, hörte er gar nicht auf zu Lachen und vergaß dabei beinahe, Luft zu holen.

Ein paar Sekunden später stand die Oberschwester außer Atem in der Tür.

„Was ist?", fragte sie mit einem Anflug von Zorn. Man sah ihr an, dass ihre Nerven bereits vorbelastet waren.

„Der Tee war zu heiß...", stammelte ich und rettete den Zwieback vom Tablett, als sie es hastig von meiner Bettdecke zerrte.

„Junge, Junge...", stöhnte sie, „da ist nicht mehr viel zu retten. Das muss neu bezogen werden. Einen Moment, ich bin gleich wieder da."

Der Typ neben mir lachte immer noch, aber er hatte sich bereits etwas beruhigt.

„Nun hör aber auf!", brummte ich, doch er zeigte keine Reaktion.

„Wenn's doch sonst nichts zu lachen gibt", meinte er dann nach einiger Zeit. Ich begann mich bereits zu fragen, wo die Schwester den neuen Bettbezug suchte, als ich mir den Zwieback schnappte und endlich bemerkte, wie hungrig ich tatsächlich war. Vielleicht war die dicke Oberschwester ja auch in das nächste Geschäft gegangen und kaufte einen neuen Bettbezug, dachte ich. Dann, so wünschte ich mir, sollte es auf alle Fälle kein weißer sein, denn ich konnte die Farbe „Weiß" bereits nicht mehr ausstehen.

Dann war die Schwester zurück und schleppte gleich eine neue Bettdecke herein. Ich fragte mich, welchem Patienten sie die wohl gerade weggenommen hatte und lachte in Gedanken. Es dauerte nur wenige
Sekunden und die dicke Frau hatte einen neuen Bezug über diese Decke gezogen. Ich hatte ihr bewundernd dabei zugesehen, in Erinnerung daran, wie viel Zeit ich für so etwas benötigen würde.

Sie zog mir meine mit Tee übergossenen Decke weg und ich betrachtete das schneeweiße Krankenhausnachthemd, das ich trug. Schneeweiß. Im nächsten Augenblick warf die Schwester die neue, ebenfalls weiße Decke über mich, strich sie glatt und nahm das Tablett in die Hände.

„So, das war's", bemerkte sie, „Du bekommst erst heute Abend wieder Tee, aber dann werde ich dich am besten gleich füttern."

Ich brummte etwas Unverständliches, als sie hinausging und mein Bettnachbar war bereits wieder in Lachen ausgebrochen.

„Das will ich sehen!", keuchte er und beinahe fiel ihm das Buch aus den Händen.

Ich schluckte den letzten Rest des dritten Zwiebacks hinunter und hatte Hunger. Weil ich nicht wusste, ob mich die Oberschwester vor Wut auffressen würde, wenn ich ihr meine Wünsche kundgebe, ließ ich es lieber sein.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte, um den Hunger zu vertreiben und ich hatte auch, im Gegensatz zu meinem Mitbewohner, der schon mein zweites Buch begonnen hatte zu lesen, keine Lust ein Buch zu lesen.

Irgendwann schlief ich dann wieder ein und als ich die Augen wieder öffnete, hörte ich gerade, wie von
draußen etwas gegen die Tür zu unserem Krankenhauszimmer stieß. Es polterte noch einmal und dann hörte ich die Stimme der Oberschwester, die einer anderen Schwester etwas zurief. Es war kein Rufen, sondern eher ein Kreischen, korrigierte ich mich. Wenige Sekunden später wurde die Tür geöffnet und die Oberschwester schwankte mit zwei Tabletts herein und stellte sie auf den Nachttisch. Mir lief das Wasser bereits im Mund zusammen und mein Hunger machte sich wieder bemerkbar.

„Jetzt gibt's Abendbrot", verkündete die Schwester und stellte mir eine Fußbank quer über die Hüften, sodass ich praktisch darunter lag.

„Und jetzt nicht wackeln und nichts verschütten, sonst beziehst du nachher das Bett selbst!", drohte sie mir mit erhobenen Zeigefinger. Ich grinste und begann damit, die belegten Brote in mich hineinzustopfen.

„Iss nicht so hastig, das ist ungesund!", meinte sie dann und drehte mir den Rücken zu, um meinem Leidensgenossen ebenfalls sein Essen zu reichen. Zu gerne hätte ich gesehen, wie sie essen würde, wenn
sie einen Tag lang nur drei Zwieback zu beißen bekommen hätte!

Wenig später, als die Schwester den Raum wieder verlassen hatte, war bereits alles aufgegessen, bis auf den Teller und die Tasse und damit war ich gute fünf Minuten schneller als mein Mitbewohner, der mühsam versuchte, gleichzeitig zu essen und zu lesen, ohne dabei den Tee zu verschütten.

Als die Oberschwester die leeren Tabletts dann später abgeholt hatte, kehrte wieder die gewohnte,
langweilige Krankenhausruhe, die wohl nur die Patienten zu spüren bekamen, ein. Ich betrachtete aufs Neue eingehend die kahlen Wände, hätte die weiße Tapete am liebsten abgekratzt und nahm mir schließlich das letzte mir verbliebene Buch zur Hand und schlug es auf. Augenblicklich befiel mich eine gewisse Müdigkeit, die ich schon öfter beim Lesen des Titels bemerkt hatte. Ich legte das Buch wieder beiseite und schloss die Augen.

Ich öffnete sie erst wieder, als die Tür aufgestoßen wurde und eine Horde kleiner Kinder mit der
Oberschwester im Schlepptau in den Raum stürmte. Ich zählte sieben.

„Oh, mein Gott, was ist denn jetzt los?", rief ich und richtete mich ein wenig in den Kissen auf, als sich die Kleinen auf mein Bett und damit auf meine Beine setzten. Mein Zimmergefährte erlitt ein ähnliches Schicksal.

„Euer Raum ist der einzige, in dem ein Fernseher steht", erklärte die Oberschwester und deutete auf den viereckigen schwarzen Kasten, der schräg über dem Bett meines Mitbewohners hing. 

„Es ist um sieben, jetzt wird der Sandmann geguckt!", rief die Schwester noch, als sie das Zimmer verließ
und ermahnte uns, nett zu den Kleinen zu sein. Einer der Quälgeister hockte mir genau auf meinen schmerzenden Rippen.

„Kannst du dich nicht noch ein wenig kleiner machen, sonst kann ich das Schnatterinchen gar nicht sehen!", stieß ich gequält hervor. Ohne sich auch nur von der Stelle zu rühren und weiter gebannt in die Bildröhre starrend, antwortete der kleine Naseweis:

„Du weißt doch gar nicht, ob das Schnatterinchen heute kommt!"

„Oh, doch. Das Schnatterinchen wird kommen."

„Glaub ich nicht!", widersprach der Kleine.

„Kannst du mir aber ruhig glauben."

„Und warum?"

„Weil ich mir die Folgen selbst ausgedacht habe", erwiderte ich todernst.

Nun war das Titellied zu Ende und statt dem Schnatterinchen schlurften nur ein paar Pinguine über den Bildschirm.

„Siehst du, da ist kein Schnatterinchen!", plärrte die Nervensäge triumphierend.

„Da sieht man's mal wieder", brummte ich, „Amerika beherrscht die Welt! Jetzt haben die Amis sogar den Sandmann neu verfilmt!"

Mir antwortete keiner mehr, alle Kinder waren gefangen von den Problemen der Pinguine, die wie ich fand, nichts waren, im Vergleich mit den Problemen, die ich so hatte. Mein Kopf tat wieder weh. Ich spürte die Silvesterraketen aufs Neue, als ich versuchte, tiefer in die Kissen zu rutschen, was allerdings nicht möglich war, da ja der altkluge Knirps immer noch auf meinem Bauch hockte, als wäre dieser ein Fernsehsessel.

„Warum sind die Pinguine nur so laut, dass sie sogar den Krach von Raketen übertönen?", fragte ich mich, während mir das letzte Mal für heute die Augen zufielen.

 


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