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"BIS ZUM NÄCHSTEN MAL" (2001) - Marlene Hofmann

Das Telefon klingelte und ich hob den Hörer ab.

„Ja?“

„Bist du das?“, fragte eine hohe, mir nur allzu gut bekannte Stimme.

Ich nickte, was die >Freundin< am anderen Ende nicht sehen konnte. Allerdings störte sie das kein bisschen und sie begann munter auf mich einzureden.

„Stör ich?“, fragte sie irgendwann, als ich noch nicht mehr Laute als „Hm“ und „Ja“ von mir gegeben hatte.

Ja, du störst sogar sehr, dachte ich, entschied mich schließlich aber für die höflichere Variante.

„Na ja, es geht so.“

Sie lachte. Natürlich hatte sie es als Witz aufgefasst.

„Na, dann ist ja gut. Weißt du, ich habe mir gedacht, dass wir uns - weil wir uns ja schon so lange nicht mehr gesehen haben - ...“

Oh, nein, jetzt kommt’s, fuhr es mir durch den Kopf.

„...mal wieder treffen könnten. Was hältst du davon?“

Welche Ausrede sollte ich mir diesmal einfallen lassen?

„Na ja,...“, stammelte ich.

„Ich hab mir sogar schon überlegt, was wir machen könnten. Wenn ich zu dir komme, dann könnten wir doch ein wenig durch die Stadt gehen - vielleicht einkaufen? - und anschließend noch mit dem Fahrrad fahren...“

„Aber das haben wir doch schon das letzte Mal gemacht!“, warf ich ein.

„Stimmt. Hast du eine bessere Idee?“

„Eigentlich nicht...“

Mir fiel einfach nichts anderes ein, als dass es die beste Idee überhaupt wäre, wenn sie mich in Ruhe lassen würde. Hatte sie keine anderen Freunde? Sie erzählte doch immer von ihnen. Ihre schrille Stimme ließ mich aus meinen düsteren Vorstellungen an das bevorstehende Zusammentreffen auffahren.

„Nun, dann müssen wir auf meinen Vorschlag zurückgreifen“ - ich konnte sie regelrecht lächeln sehen - „Wie wäre es, wenn ich Morgen Nachmittag zu dir komme? Meine Eltern könnten mich fahren, ich hab sie schon gefragt. Es ist doch Wochenende...“

Eben, es war Wochenende und das wollte ich genießen.

„Ich glaube nicht, dass das gehen wird. Meine Eltern sind nicht da und sie mögen es nicht, wenn ich dann Besuch habe.“

Das war eine Lüge.

„Ach, komm schon. Die kennen mich doch, ich mache nichts kaputt.“

Das letzte Mal wäre beinahe der Teppich mit schwarzer Farbe übergossen worden, das Tintenglas, das sie
mit dem Ellenbogen anstieß und welches ich gerade noch fangen konnte, hatte ich nicht vergessen.

„Wenn meine Eltern nein sagen, meinen sie es meist auch. Ich finde das auch doof, aber ich kann nichts dagegen tun“, log ich.

Es war ein Fehler gewesen, vorzugeben, zu bedauern.

„Wenn es nicht anders geht, dann kannst du vielleicht auch zu mir kommen. Ich geh mal fragen!“

Ich hörte, wie ihre schnellen Schritte immer leiser wurden, dann war endlich Ruhe. Ich seufzte. Eigentlich
hatte ich mich auf das kommende Wochenende gefreut, aber jetzt waren all meine Hoffnungen zerstört. Gab es nicht irgendeine andere Verabredung die ich hatte, eine Ausrede, die ich benutzen konnte? Mir fiel einfach nichts ein. Genauso wenig, wie mir einfiel, wie ich ihr sagen könnte, dass ich keine Lust auf ein Treffen hatte. Ich könnte es über mich ergehen lassen, wie all die anderen Male zuvor. Oder aber ich könnte ihr einfach sagen, dass ich keine Lust hatte. Etwas in mir sträubte sich jedoch dagegen.

„Bist du noch dran?“

Ich seufzte, sie war wieder da.

„Es geht. Du kommst einfach zu mir. Sagen wir etwa um drei.“

„Da sind meine Eltern schon weg, mich kann niemand fahren.“

Das war ein letzter Hilfeschrei. Eigentlich hätte sie meine Abneigung schon längst merken müssen.

„Meine Eltern werden dich holen. Sie wären den Weg ja sowieso gefahren!“

Als ich schwieg, sprach sie weiter.

„Also um drei, bringe irgend etwas Schönes mit. Am besten übernachtest du gleich bei mir. Ich sag dir, das wird genauso lustig wie beim letzten Mal!“

„Wenn du meinst.“

Das >letzte Mal< war eine Qual gewesen. Ich hatte geglaubt, sie würde nie einschlafen und mir ständig ihre lustigen Geschichten aus der Schule erzählen.

„Na gut, dann wäre ja alles geklärt!“. Sie lachte, verabschiedete sich und legte auf. Ich dachte mit Grauen an den morgigen Tag.

Die Sonne stand hoch am Himmel, es war Punkt um drei Uhr an einem wunderschönen Samstag Nachmittag. Als sie gerade den weißen Klingelknopf drücken wollte, bemerkte sie den Zettel, der daneben mit Klebestreifen an der Wand hing.

„Entschuldige, dass ich nicht die Zeit hatte, noch einmal anzurufen, aber ich musste dringend weg, da es meiner Oma nicht gut geht. Ich habe das selbst auch erst heute Morgen erfahren. Vielleicht können wir uns ja ein anderes Mal treffen.“

Sie verzog das Gesicht, drehte sich um und ging die Straße hinunter, um dort in das wartende Auto einzusteigen.

Ich hörte die Tür zufallen und trat vom Fenster zurück.

 


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